ENTSTEHUNG

... historische Stoffe


Als oberstes Ziel bei einem historischen Stoff wünsche ich mir immer, dass es einen Bezug zu heute gibt und eine Wichtigkeit für die Leute in unserer Zeit darstellt, ohne aber eins zu eins eine Allegorie zu sein, das wäre mir dann wieder zu übertrieben. Ich finde die eskapistische Funktion eines Filmes auch sehr wichtig, deswegen darf ein historischer Film für mich durchaus auch ein Abenteuerfilm sein.

Bei den Unbedingten hoffe ich, dass ich, insbesondere bezogen auf die ersten Rechten in Deutschland, so ambivalent erzählt habe, dass man sagt, man kann das Handeln zwar zumindest nachvollziehen, der kritische Blick auf ihr Unterfangen aber trotzdem gewahrt bleibt. Bei meinen Charakteren wollte ich weder Monster noch Liebmenschen schaffen, sondern durch das Erzählen von Grauzonen versuchen so glaubwürdig zu sein, dass man es schafft, ein Interesse an der damaligen Zeit zu wecken.

Bei den Unbedingten haben wir ja zum einen die real existierenden Charaktere, Carl Sand und August von Kotzebue, bei denen man ja - will man nicht Kritiker Tür und Tor öffnen - gezwungen ist, historisch wahrhaftig zu sein. Erzählerische Spielräume um Ambivalenzen zu schaffen, bieten einem dann die fiktiven Zusatzfiguren. Das ist ein vermeintlich simpler Taschenspielertrick, der aber halt sehr gut funktioniert, gerade auch dann, wenn man wie wir um ein negatives Ende herum erzählt.

Ich mag es immer lieber von Menschen von „unten“ zu erzählen, weil es mich nicht interessiert, wie irgendwelche Könige Sachen entschieden haben, sondern wie sich diese Entscheidungen ausgewirkt haben, wie der einfache Mensch zum Spielball der Mächtigen wird.


... Motivrecherche


Seit vielen Jahren vermeide ich bei meinen Heimfahrten zwischen München und Erfurt die Autobahnen und fahre über Land. Dabei habe ich immer schon Motive für alle möglichen Stoffe recherchiert. Als die Dreharbeiten zu den Unbedingten letztes Jahr konkret wurden, konnte ich also schon auf ein Repertoire im Kopf zurück greifen und es galt lediglich zu überprüfen, ob die Orte, die ich schon kannte auf die Situation passen und der Erzählung standhalten. Im Vordergrund stand für mich dabei auch immer nicht nur das Schöne, sondern auch das Machbare, das heißt ich habe von vornherein bei der Auswahl der Drehorte auf die Realisierbarkeit geachtet. Ziel war, mit wenig Veränderung das Jahr 1819 erzählen zu können. Als es dann losging, war es schon ein tolles Gefühl jetzt mit einem Filmteam von knapp vierzig Leuten an den Plätzen zu stehen, an denen ich vor acht Jahren gesagt habe, hier willst du mal drehen.


... die Drehorte


Bei der Festlegung unserer Drehorte ging es darum, in geringer Entfernung zueinander eine Vielfalt an erzählbaren Motiven zu schaffen. Durch die Geschichte waren wir landschaftstechnisch auf Zentraldeutschland festgelegt. Unsere Drehorte befanden sich dann mehr oder weniger auf einer Linie von etwa 160 Kilometern, die von Bamberg über Bad Windsheim durch Franken nach Rothenburg ob der Tauber, mit kleinem Abstecher nach Weikersheim, wo das Schloß steht, bis Wackershofen bei Schwäbisch Hall führte. Insbesondere in Bamberg haben wir rund um den Domplatz Drehorte für Stadtszenen gefunden, die im Film dann völlig verschiedene Orte darstellen. Aber auch in den Freilandmuseen Bad Windsheim und Wackershofen haben wir versucht, die gegebenen Möglichkeiten voll auszuschöpfen. So nutzten wir einen Platz sowohl als Dorf kurz vor Mannheim und in der Gegenrichtung als Straße vor der Pension Kranz in Jena.

Wichtig war uns eine Tiefe erzählen zu können, obwohl wir moderne Elemente nicht zeigen konnten. Wir haben beispielsweise eine Szene, in der unsere Protagonisten im Vordergrund den Berg hinauf laufen und wir im Hintergrund eine Kirche sehen. Obwohl das gar nicht sichtbar ist, hat man das Gefühl einer ganzen Stadt, weil man den Mittelgrund im Kopf dazu addiert.

Da wir nicht das Geld hatten Kulissen zu bauen, mussten wir uns komplett auf die Begebenheiten beziehen, die schon da waren. Das bedurfte dann natürlich mehr Vorausplanung und zwang uns manchmal zu Kompromissen. So mussten wir Einschränkungen bei der Auflösung in Kauf nehmen, wenn beispielsweise eine Richtung als 19. Jahrhundert absolut nicht zu verkaufen war oder wir die Einstellungsgröße so wählen mussten, dass man nicht übers Dach hinweg auf die Antennen der Hinterhäuser blicken durfte.


... Musik im Film


Bei der Musik war es so, dass ich zu den sehr guten Komponisten Christian Elsässer und Sebastian Pille mit Layout-Musik, sogenannten Temp-Tracks, ankam, weil ich schon sehr genau wusste, wie ich den Charakter der Musik haben wollte. Das gefällt Komponisten meist nicht so sehr, ist für mich aber eine wunderbare Möglichkeit auf den Punkt zu kommen, wie ich mir die Musik vorstelle. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Wir haben trotz des kleinen Budgets Wert darauf gelegt, dass die Musik zumindest großteils mit Originalinstrumenten eingespielt wird und nicht nur mit Samples am Computer entstand, dafür ist es uns dann auch gelungen, einige Streicher der Münchner Philharmoniker zu bekommen.

Im historischen Bereich ist es für mich eigentlich gesetzt, dass man einen klassischen Score nimmt und nicht mit modernen Songs arbeitet, weil das dann doch eher eine ironische Note bekommen würde.

Zum Charakter der Musik kann ich sagen, dass ich Fan einer Musikmischung aus Hollywood-Schlacht-Schinken und  „arthousiger“ gegensätzlicher Stücke bin. Wir waren teilweise, gerade bei den Montagesequenzen, absolut darauf angewiesen, dass die Musik den Rahmen gibt. Ich mag es allerdings nicht sehr gerne, wenn man bei der Musik mitsummen kann, bin also kein Fan von Ohrwürmern. Musik sollte für mich zwar immer zur Maximierung der Stimmung beitragen, aber auch etwas Beiläufiges haben, eben ohne aufdringlich zu sein, gerade bei emotionalen Szenen. Je höher die Emotionalität sowieso schon ist bei den Protagonisten, desto weniger mag ich an diesen Stellen den Einsatz von Musik.


... den Schnitt


Ich habe bisher alle meine Filme selber geschnitten. Bei den Filmen davor an der Hochschule habe ich das zu Lernzwecken getan, bei den Unbedingten wollte ich das eigentlich nicht tun. Mangels Alternativen habe ich dann auch die Unbedingten selbst geschnitten. Dadurch dass wir so klassisch erzählt haben, würde ich sagen, dass das Rohmaterial es aber auch einem anderen Cutter gar nicht erlaubt hätte, den Film völlig anders zu schneiden. So war zum Beispiel klar, dass wir eine Chronologie der Ereignisse einhalten.

Für später ist aber klar, dass ich nicht mehr selbst schneiden möchte, weil ich es doch gut finde, wenn jemand nach dem Dreh noch einmal mit einem völlig neuen Blick an die Sache heran geht.


... Besetzung


Mit dem besonderen Augenmerk auf die Schauspieler, insbesondere kleinerer Rollen, habe ich in den letzten Jahren neben Kino auch viel deutsches Fernsehen geguckt. Dadurch kann ich vielen Gesichtern zwar nicht unbedingt Namen zuordnen, weiß aber doch bei sehr vielen wie sie spielen. Dieses Repertoire kam mir auch bei der Besetzung der Unbedingten zu Gute. Eigentlich hatte ich von vornherein pro Rolle mindestens ein, zwei Besetzungsideen. Bei der Konstellation der drei Hauptfiguren neben Geyer, war mir wichtig, dass eine Hierarchie zu erkennen ist. Außerdem ging es mir immer darum, eine Ambivalenz zu schaffen. Zum Beispiel musste Luise so zart sein, dass sie eine Hürde zu überschreiten hat, bevor sie über sich hinauswächst, andererseits sollte sie aber kein Madamchen sein.

Gerade bei historischen Filmen bin ich schon ein Freund des Typencastings und liebe es auch spezielle Gesichter zu suchen, die unverwechselbar sind und von der Physiognomie her in dieses - bei uns jetzt altdeutsche - Sujet passen.


... seine Schauspieler


Unseren Schauspielern gebührt allen ein großes Lob und das in zweifacher Hinsicht. Zum einen finde ich, dass sie ganz toll gespielt haben, zum zweiten waren sie aber auch vom Handling her einfach wunderbar. Das muss man ja bei einem Hochschulprojekt noch mal extra herausstellen, da es ja durchaus möglich ist, dass Schauspiel-Profis, jenseits dessen was sie an fachlicher Fähigkeit mitbringen, dann doch Höhenflüge haben und das dann durch Machtspiele auf den Regisseur übertragen. Das ist mir glücklicher-weise nie passiert, ich hatte immer das Gefühl für voll genommen zu werden und habe mich doch sehr gut aufgehoben gefühlt.

Als stellvertretende Anekdote, wie uneitel unsere Schauspieler hinter der Sache standen, möchte ich noch erzählen, wie Benjamin Kramme und Christian Näthe an ihrem drehfreien Tag in Bamberg mit unserem Team etliche Sandkarren zum Domplatz fuhren, um das historisch falsche Pflaster abzudecken.


... Ausstattung und Kostüme


Beim Kostümfilm sind natürlich Ausstattung und Kostüm extrem wichtig. Bei der Ausstattung ging es mir vor allem darum, eine Unsauberkeit zu erzeugen, weil das für mich ein Hauptunterschied zu heute darstellt, dass eben nicht alles saniert war. Lehmfarbene, braune Töne sollten das farbliche Konzept durchziehen. Durch das für einen historischen Film sehr kleine Ausstattungs-Budget waren wir dann darauf angewiesen, viel mit dem zu arbeiten, was vor Ort – zum Beispiel in den Freilandmuseen – schon da war. Das ist keineswegs eine Schmälerung der Leistung unseres Szenenbildners Markus Dicklhuber. Ihm gebührt ein großes Lob, wie er es geschafft hat, mit wenig finanziellen Mitteln ein Maximum rauszuholen.

Ein Großteil seiner Arbeit bestand dann halt auch darin, mit seinem Team moderne Elemente zu kaschieren. Zu den aufwändigsten Aktionen gehörte dabei, wie wir in Bad Windsheim den Weinmarkt und in Bamberg einen Teil des Domplatzes mit tonnenschweren LKW-Ladungen voll Sand abgedeckt haben, weil es 1819 weder in Jena noch in Mannheim Kopfsteinpflaster gab.

Um die große Masse an Kostümen aufzutreiben, sind wir durch ganz Deutschland gereist. Die meisten Kostüme kamen dann aus Berlin und München, teilweise wurden sie aber auch von unserer Kostümbildnerin Tina Keimel-Sorge selbst geschneidert.


... Digitale Postproduktion & VFX


Ursprünglich mal großkotzig von mir angekündigt, dass man bei meinen Locations auf nachträgliche computergenerierte visuelle Effekte ganz verzichten könne, hat sich dann herausgestellt, dass der Teufel oftmals doch im Detail steckt. So gab es beispielsweise Drehorte, wo wir zwar freundlicherweise drehen durften, aber eben nicht die Dachrinne abschrauben konnten oder in einer Stadttotalen der Kirchturm wegen Bauarbeiten eingerüstet war. Deshalb mussten wir dann doch in expliziten Situationen auf VFX zurückgreifen.

Da wir dank großartiger Unterstützung durch die Firma ARRI ein sogenanntes Digitale Intermediate hatten, das belichtete Filmnegativ also in 2K Auflösung eingescannt wurde, gab es eine digitale Grundlage um das Bild am Computer weiterzubearbeiten. Das ermöglicht zum einen großen Spielraum bei der Farbkorrektur und beim Erstellen eines Looks. Andererseits bildet es eben die Grundlage für die Visuellen Computereffekte. Hierfür hatten wir zwei hervorragende Leute von der FH Furtwangen unter Anleitung von Christoffer Kempel von der Filmhochschule. Die haben dann ihr ganzes Talent an den Tag gelegt, um die wenigen Spuren der Moderne, die aber dennoch das Gesamtbild zerstören würden, zu beseitigen. Besonderes Augenmerk haben wir dabei darauf gelegt, dass eben auch auf der großen Kinoleinwand keine modernen Details mehr erkennbar sein sollten. Des Weiteren haben wir durch VFX unsere Stadttotalen zu echten Highlights aufgepeppt, z.B. durch Hinzufügen von Rauch aus den Schornsteinen.


... 35mm


Besonders glücklich schätze ich mich, dass trotz der horrenden Logistik und den damit verbundenen Kosten, die wir vor uns hatten, gleich am Anfang zwischen Kameramann, Produzen-ten und mir eine Einigkeit herrschte, dass wir auf 35mm drehen wollen und dies dann auch konnten, was bei Hochschul-projekten doch einen Selten-heitswert hat. Als Format habe ich Cinemascope gewählt, also 1:2,35, weil ich empfand, dass wir doch so episch und groß erzählen, dass wir uns das leisten dürfen und das die Bilder das auch rechtfertigen, so dass wir nicht als pseudogroß rüberkommen.


... den richtigen Ton


Fast ein Wunder scheint mir zu sein, dass wir trotz historischen Sujets so gut wie komplett auf Originalton zurückgrei-fen konnten und kein Schauspieler wegen Nachsynchronisation nochmal anreisen musste. Wenn man bedenkt, dass wir ja nicht Krösus waren und insofern nicht die Möglichkeit hatten, immer alles kilometerweit abzusperren, ist das schon erstaunlich. Allerdings mussten wir beim Dreh wegen Störgeräuschen auch mindestens 150 Mal einen Take abbrechen, was natürlich Kraft kostet, weil man ja weiß, dass die Zeit verloren geht. Im Nachhinein gesehen hat aber genau das dazu geführt, dass wir die Töne auch verwenden konnten. Auf dem Domplatz in Bamberg konnten wir dann glücklicherweise eine Autosperrung arrangieren. Wir hatten eine Tonassistentin, die sich selbst in den weiten Totalen sehr große Mühe gegeben hat, immer so nah an die Schauspieler ranzupirschen, dass wir den Ton mitnehmen konnten, was dort besonders schwer war, weil wir keine genauen Bildkanten vorgeben konnten. Das führte zwangsweise dazu, dass wir dann auch einige Male wiederholen mussten, weil sie mit der Angel im Bild war. Glücklicherweise hat sie sich dadurch nicht zurückschrecken lassen und hat das Risiko nicht gescheut durch administrative Kräfte, wie mich, vollgeschimpft zu werden, was im Endeffekt dazu geführt hat, dass wir einen super Ton hatten.

... das Wetter beim Dreh


Kräht der Hahn im Mai, ist der April vorbei, sagt ja schon eine alte Bauernregel. Bei uns hat der Hahn noch nicht gekräht, wir haben Mitte März bis Anfang April gedreht. Das hatte zur Folge, dass wir beim Wetter dann alles hatten, am Ende herrlichen Sonnenschein, davor aber auch wirklich alles Schlechte, plötzliche Schnee-fälle, die natürlich nicht im Bild sein durften und permanent Stürme, vor allem an den ersten zehn Tagen in Bad Windsheim – heißt ja auch so. Schade war dort, dass die Sonne so selten raus kam und dadurch so ein „Graukartenwetter“ entstanden ist. Das war so ein ständiger Nieselregen um die 0°C, der zwar in die Knochen zog, das Wetter filmisch aber nicht spektakulär aussehen ließ. Durch den digitalen Postproduktionsweg konnte man glücklicherweise das Bild nachträglich, beispielsweise durch Lichtflecken, so weit aufpeppen, dass es jetzt nirgendwo richtig langweilig wirkt.


... Komparsen


Um unsere Szenerie lebendig werden zu lassen, hatten wir eine für ein Filmhochschulprojekt außergewöhnlich große Anzahl an Statisten. Diesen Leuten, die bei unserem Projekt ja unentgeltlich dabei waren und wirklich alle Verzögerungen, Wiederholungen, Wind und Wetter ohne zu Maulen mit uns durchgestanden haben,  gilt mein ganz großer Dank, weil sie doch sehr zur Qualität dieses Filmes mit beigetragen haben.